Freitag, 4. Februar 2011

Kairo: Der Kampf um Respekt und Würde

Gestern Abend in Heidenheim. Begegnungen vor dem heutigen Freitagsgebet in Kairo.

Wir sitzen in der kleinen Kaffeebar. Herr K. ist Syrer und reist regelmäßig in die arabischen Staaten. Wir reden über die Ereignisse in Tunesien und Ägypten, die Schönheit der arabischen Kultur. Herr K. erklärt, dass er versuche, eine Flugverbindung nach Kairo zu bekommen – am liebsten sofort: "Was gerade passiert ist einmalig. Ich muss da hin."

Das Mobilphone klingelt. Ein kurzes Gespräch.
"Ein Freund", sagt Herr K. "Er ist Ägypter und hat hier einen Imbiss. Er hat erzählt, dass er endlich seine Familie erreicht hat."
Die Verbindungen nach Ägypten waren gekappt.
"Seine Familie steht unter Hausarrest, aber es geht ihr gut."

Wir sprechen über die Wut der mutigen jungen Menschen, die Brutalität des Diktators Mubarak, gekaufte Schlägertrupps, die beschämende Schwere des Westens, die Untätigkeit der deutschen Regierung und Touristen, die in diesen Tagen am Roten Meer Urlaub machen können. Medien, die ein geschöntes Bild von Ägypten lieferten.

"Es geht den Demonstranten um Respekt und Würde", sagt Herr K. Die bittere Armut in Kairo sei kaum zu ertragen. "Sie wollen mehr als Fladenbrot und Tee. Sie wollen wieder eine Perspektive".
Welche Perspektive wird es geben?

"Keine", sagt der Schneider Ismail, der ein paar Meter weiter eine florierende Nähstube betreibt. Er kam mit sechs Jahren aus der Türkei nach Deutschland: "Die Demonstranten kennen keine Demokratie. Wenn sie nach der Revolution genug haben von den kurzen Röcken und dem Internet, kommt die Krise."
Herr K. zuckt. Er spricht von Grundrechten und der Ungerechtigkeit des Rechtums: "Mubarak hat vier Milliarden zur Seite gebracht."
"Wahrscheinlich ist es viel mehr", sagt Ismail, "aber das hat er nicht geklaut. Das Geld haben sie ihm gegeben."

Herr K. bleibt freundlich. Der Kaffee ist kalt geworden. Er möchte gehen.
Zuhause wartet der TV-Sender al dschasira.

Ob Herr K. nach Kairo fliegt?

Er meldet sich.






Samstag, 29. Januar 2011

Arabische Träume – Mehr als ein Volk

Die Menschen in Tunesien, Ägypten oder Jemen demonstrieren. Sie wehren sich gegen Bevormundung und Unterdrückung. "Der Aufstand", schreibt die Süddeutsche Zeitung heute, "begann im Netz. Ohne Führer. Ohne Gesicht." Die Wut in den arabischen Staaten richte sich nicht gegen Amerika und den Westen. Sie richte sich gegen die heimischen Unterdrücker, die es versäumt haben sich auf das 21. Jahrundert und die Globalisierung einzulassen – auf die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Mit ihrer Wut haben die mutigen Demonstranten den Westen überrascht.

Die meist jungen Menschen haben es satt, die Accessoires des Aufstiegs in TV-Soaps zu bewundern, während sie sich selber keine Hochzeit leisten können. SIe wollen etwas Besseres essen, mehr als das Allernötigste, ihre Kinder auf gute Schulen schicken, eine Beufschance bekommen. Und: "Tief enttäuscht vom Westen und seinen Versprechungen halten sie jetzt ihre eigene Kultur hoch. Und die ist nun einmal in weiten Teilen islamisch."  (Thomas Avenarius in der SZ).

Die arabischen Nationen stehen vor einem Umbruch. Die Zukunft ist ungewiss. Wohin diese führt? Hoffentlich, zu einem Perspektivwechsel im Westen und in den arabischen Staaten zu Freiheit und Menschenrechten.


Sonntag, 23. Januar 2011

Ein Veteran mobilisiert: Empört euch!


Wann haben wir uns zuletzt richtig empört? Gute Frage. Erst die Tage sagte ein Geschäftsmann, er würde niemals auf migmag inserieren, denn dann bekäme er keine Kunden mehr: "Die sind hier alle doch rechtsnational." Und wo ist Ihre Zivilcourage? Ein Lächeln. Wir erschraken.

In Frankreich ist derzeit ein 3 EUR- Heftchen mit dem Titel "Empört euch!" der Renner in den Buchläden und einigen Supermärkten. Die Auflage nähert sich der Million. Den Aufsatz hat Stéphane Hessel geschrieben, ein 93-jähriger Veteran der Résistance. Der temperamentvolle Greis wiederholt darin, was er in öffentlichen Auftritten lächelnd, mit entwaffnender Fröhlichkeit und, man muss es staunend feststellen, sprühendem Elan in einer Weise vertritt, dass ihn Jung und Alt anhimmeln: nämlich dass keine Macht und kein Gott dem Individuum die Verantwortung abnehmen, sich zu engagieren.

Hessel bezieht sich auf Sartre, den er 1939 in Paris kennengelernt hatte: Jeder ist, als Einzelner, verantwortlich. Und erst im Engagement schafft sich das Individuum selbst. Hessel fährt fort: »Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: ›Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.‹ Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören, und das Engagement, das daraus folgt.«

Schauen wir hin, empören wir uns!

Dienstag, 11. Januar 2011

Asyl: Ein Wort in vielen

Eine hellbunte Luftballonschlange schmiegt sich quer an die Wohnzimmerdecke. Geburtstagsreliquien. Die drei Jungs der Familie Mohammad sind zwischen dem 1. und 5. Januar geboren worden.  In diesem Jahr erreichte zwischen den Geburtstagsfeiern der Brief des Verwaltungsgerichts Stuttgart die kurdische Familie. Das Asylverfahren des Vaters Alwan ist nach drei über Jahren endlich anerkannt worden. Der deutsche Pass ist eine Frage von wenigen Wochen.

Auf dem mehrseitigen Begründungsschreiben ist eine Kurznachricht von Alwan Mohammads Anwalt getackert. Ein handschriftliches Wort steht da: "Gratuliere!".

Was es bedeute, fragt Alwan Mohammad? Etwas sehr gutes. Es komme den Glückwünschen zu einem Geburtstagsfest sehr nahe.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Auf immer und ewig

Die Tage erreichte Familie Mohammad aus Syrien ein erster Brief vom Verwaltungsgericht Stuttgart. Es geht um ihr Asylverfahren. Der Anwalt der kurdischen Familie sagt, es sein ein gutes Zeichen, was da geschrieben steht. Wenn nichts dazwischen kommt, erhält der Vater den ersehnten Pass, eventuell im ersten Schritt zeitlich befristet auf drei Jahre und dann, so sein Sohn: "Auf immer und ewig." .
Der ersehnte Brief aus Stuttgart ist noch nicht eingetroffen. Vater Alwan schläft weiter schlecht in der Nacht.

Montag, 6. Dezember 2010

Warten auf den Pass

Drei Jahre wartet die kurdische Familie Mohammad aus Syrien auf einen deutschen Pass. Drei Jahre Unsicherheit und "Nächte ohne Schlaf", sagt der Vater Alwan vor dem Gerichtsstermin am Freitag. Seine Aktentasche ist an diesem Tag schwer von den Dokumenten und einer Flasche Mineralswasser gegen die Aufregung. "Der Termin", sagt ein mitgereister Freund im Zug, "entscheidet über sein Leben" – als Asylbewerber und als Bürger Deutschlands,

Für seine Söhne bestimmt der Pass, ob sie endlich in einem Fußballverein mit trainieren dürfen. Als Asylbeweber wurden sie bereits von einem Club abgelehnt. Die Jüngsten bewundern Lionell Messi von Barcelona, der Älteste den Brasilianer Kaka von Real Madrid. In einer kleinen Sporttasche liegen die Trikots ihrer Fußballhelden. Die Jungs warten. Die Familie wartet.

Das Ergebnis der Verhandlung wird in zwei bis drei Wochen per Post zugestellt. Vielleicht sind sie dann Messi und Kaka noch ein Stückchen näher gekommen.

Donnerstag, 18. November 2010

Platz 7 beim Integrationspreis 2010

Heute lag er im Postfach, der Brief der Abteilungspräsidentin der Deutschen Islam Konferenz zum Integrationspreis 2010: "...über Ihr Engagement habe ich mich sehr gefreut. 180 Bewerbungen sind bei uns eingegangen...", schreibt Regina Jordan. Nur sechs haben gewinnen können.

migmag kam auf Rang sieben. Statt eines Preises gab es eine silberne Mitmach-Nadel. Ist ja auch was. Gewonnen hat das Projekt "Kinder- und Jugendfußball für Bad Godesberg".  Jungen und Mädchen aus muslimischen Migrantenfamilien werden gefördert und zu Fußballtrainern ausgebildet. Kompliment!

Wir freuen uns über Rang 7.